Neue Platten

Shukar Collective - Urban Gypsy

Genre: Breakbeat Gypsy
Label:Riverboat Records (edel)
CD, VÖ: - 10.06.2005

Das was sich auf dieser CD abspielt, ist nun echt schwer in Worte zu fassen. Versuchen wir es erst einmal über die an dieser Produktion beteiligten: Der Mann mit der Idee: der rumänische Produzent und Musikmanager Paul Tanicui. Die ausführenden Kräfte: Das Shukar Collective, bestehend aus den Roma-Musikern Napoleon (er sang schon bei den Taraf de Haïdouks), Tamango und Clasic einerseits, sowie aus einem Haufen Bukarester Musiker/Komponisten/Produzenten andererseits, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die traditionelle Musik der Ursari (rumänische Bärenzähmer) mit urbaner Elektrokultur unter einen Hut zu bringen. Hier also die primitiv anmutende Ursari-Musik einer fast schon nicht mehr existenten Kultur, die sich einst mit heiserer Stimmeskraft, Löffeln, Holzfässern und Trommeln Gehör verschaffte, dort der Bukarester Untergrund mit seinen progressiven Musikern, die dieses bizarre Folklore-Phänomen unbedingt auf ein modernes Level heben wollten. 
Was bei diesem Mix herauskam ist wild, hart, leidenschaftlich und unberechenbar. Küchenperkussion meets Dancefloor. Reibeisenstimmen im Roma-Rap. Programmierte Beats und DJ-Culture gegen jazzigen Double-Bass. Cimbalon gegen Beatbox.
Stellt sich die Frage nach der Vereinbarkeit solch gegensätzlicher Welten. Und es bedarf in der Tat einer gewissen Toleranz, sich mit diesem Phänomen anzufreunden. Denn Schönklang hört sich anders an.
Hat man sich daran aber erst mal gewöhnt und die Klangvorstellungen einer Tosca-CD oder selbst einer Ragga-Scheibe über Bord geworfen, fängt die rumänische Lunte langsam an zu glimmen und gegen Ende gehört man ganz automatisch zur Ursari-Kopfnicker-Fraktion. Live dürfte diese studiotechnische Frickelei allerdings etwas problematischer umzusetzen sein. Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon die drei armen Roma-Ursari-Sänger auf der Bühne stehen, wie sie sich die Seele aus dem Leib brüllen und mit ihren Löffelchen und Handtrommeln hilflos versuchen, gegen die Windmühlen der elektronischen Übermacht anzukämpfen.
Der Stereo-Anlage ist so etwas aber egal. Was aus ihr rauskommt, ist ein wuchtiger Gypsy-Bang, der mit einer Radikalität aufwartet, den man bisher so nicht kannte. Würde mich mal interessieren, was die Roma in der transsylvanischen Pampa dazu sagen, wenn man ihnen diesen Sound ins Ohr schraubt.

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