Neue Platten

Lise Westzynthius - Rock, You Can Fly

Genre: Pop
Label:One Little Indian (Rough Trade)
CD, VÖ: - 13.06.2005

Und schon wieder eine nördliche Circe, die Musik so zerbrechlich wie Strohhalme macht und schon wieder faselt so manch einer was von einer polaren Wunderstimme. Es scheint gerade so, als ob alles, was sich nördlich der deutschen Staatsgrenzen abspielt, direkt vom Nordpol abstammt. Lise Westzynthius aber kommt gerade mal aus Dänemark, gut – mit etwas finnischem Blut in den Adern. Und sie hat – auch gut – ein nicht sehr durchdringendes Organ. Und ihre Songs sind allesamt weich gefederte Wattebäusche, mit leichten Borsten-Anteilen.
Ein schönes Album hat sie dennoch vollbracht, das kann man sicher sagen. Und es ist bereits ihr zweites Solowerk. Aber keines, das einem feuchte Augen bereitet oder die Luftzirkulation abdreht. Lise ist eine unspektakuläre aber gleichzeitig sehr angenehme Poetin. Ihre Lieder verausgaben sich nicht, sie schweben gleichsam zwischen Traum und Wirklichkeit, haben manchmal etwas Sakrales, manchmal etwas Verwunschenes und nicht selten einen melancholioschen Unterton. Wo der wohl herkommt? Könnte am Produzenten Ian Caple liegen, denn der hat schon so manches Tindersticks-Album maßgeblich beeinflußt und auch einer Frau Nordenstam mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Lise wiederum hatte in ihrer Vergangenheit die Gelegenheit, gemeinsame Sache mit dem alten Schweden Christian Kjellvander zu machen und der ist ja bekanntlich auch ein ganz ein wunderbarer Zauberlehrling nordisch gefärbter Pop-Lyrik.
Also genießen wir dieses wärmende Understatement-Album, lassen uns von französischen Songtiteln wie „Séance”, „Mousquetaire” oder „Sans Soucis” beträufeln, wandeln gemächlich durch die Licht- und Schattenseiten menschlicher Regungen und erfreuen uns an dem konsequent nippesfreien Songwriting, das Lise Westzynthius und Caple da aus der Taufe gehoben haben. Ein Wort noch zur Instrumentierung: viel Piano, Eno’sche Gitarrenarbeit, elektronische Hintergrund-Soundscapes, unauffällige Drums, ökonomische Hammond-Einsätze und als Finale gar eine Sigur Ros’sche Indie-Partitur. Vielleicht besitzt dieses Album am Ende ja dann doch eine höhere Halbwertzeit, als man es zu Anfang wahrhaben will.

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