Neue Platten

Konono No.1 - Assume Crash Position

Genre: Afrika/Kongo
Label:Crammed Discs (Indigo)
CD, VÖ: - 21.05.2010

Es ist noch gar nicht lange her, da erhielt eine bizarre Band aus Kongos Hauptstadt Kinshasa bei dem alljährlichen Stelldichein der Weltmusikbranche in Kopenhagen den prestigeträchtigen WOMEX Artist Award: Staff Benda Bilili. Wir zitieren die Veranstalter: „A group of homeless and disabled musicians, who live around the grounds of the zoo in Kin­shasa and play music of astonishing power and beauty.” Handgemachter, euphorischer Kongo-Rumba-Reggae-Funk, ein quirliges Mitein­ander von alten und jungen Musikern, von Behinderten und Nicht-Behinderten. Soweit so gut. Die WOMEX hatte ihr Quoten-Exoten-Erlebnis, die Delegierten waren begeistert, die Platten­firma (Crammed Dics aus Belgien) selbstverständlich auch. Kaum ist der Hype um diese Band mit ihrem nonchalanten Straßen-Charme aus den Schlagzeilen verschwunden, da zieht das belgische Label schon den nächsten Trumpf aus dem Ärmel. Ein Ketzer, wer hier einen cleveren und marktstrategisch klug lancierten Schachzug vermutet. Konono No.1 stammen ebenfalls aus dem Kongo, weisen eine ähnliche „Street-Credibility” wie die Bililis auf und hantieren ganz wie die Rollis aus dem Zoo mit viel instrumentellem Bastelkram. Aus Mangel an Kaufkraft war man einst gezwungen, aus Metall- und Elektroschrott halbwegs brauchbare Musik- und Verstärkungs­instrumente zu bauen, wollte man irgendwie eine musikalische Latte vom Zaun brechen, um den wilden musikalischen Ideen Ausdruck zu verleihen. Afrikaner sind da höchst erfinderisch und so entwickelten die Musiker von Konono No.1 bereits lange vor ihrer ersten CD-Veröffentlichung aus alten KFZ-Blatt­federn das Daumen­klavier Likembe und daraus resultierend den hypnotischen Kongo-Rock, der, unterstützt von archaischen Gesängen und wirbelnden Trommelmustern eine Art von Sound-System darstellt, das schon 2005 von der einschlägigen Presse als eine Mischung aus Afrika und Techno gefeiert wurde. Nun hat es weitere 5 Jahre gedauert, bis das zweite reguläre Album dieser Formation fertiggestellt wurde. Selbst Leute wie Thom Yorke, Björk oder Herbie Hancock geraten beim Sound dieser Truppe völlig aus dem Häuschen und auch die Kulturabteilung der ZEIT widmete kürzlich den Kononos einen zweiseitigen Artikel an prominenter Stelle. Von einer rohen und treibenden magischen Energie ist da immer wieder die Rede, von hypnotischen Grooves, die seit neuestem mit Unterstützung des hippen belgischen Klang­meisters Vincent Kenis aufgeputscht werden. Acht Stücke weist die mit dem marzialisch klingenden Titel „Assume Crash Position” überschriebene CD auf und bietet knapp eine Stunde lang einen handgefertigten hyper-rhythmischen Bastel­sound, der mal mit dem Urmuster der Einstürzenden Neubauten, mal mit der Präzision eines Kraft­werk-Uhrwerks, mal mit voodoo-ähnlicher Geister­be­schwörung verglichen wurde. Eins ist allerdings sicher: So elektrisierend diese Musik auch sein mag, so ist sie letztendlich doch mehr für eine Festival­bühne als für den privaten Hausgebrauch geeignet, wo einen der scheppernde Wahnwitz auf Dauer eher ermüdet statt beflügelt.

www.konono.net