Neue Platten

Nighthawks - Today

Genre: Jazz Rock Lounge
Label: Herzog Records (Edel Kultur)
CD, VÖ: - 27.08.2010

Irgendwie sind Musiker, erst recht wenn sie gestandene Vollblutmusiker sind und gut im Geschäft, eine doch recht beneidenswerte Spezies: viel rumreisen, Konzerte geben, coole Platten aufnehmen – für Otto Normalmusikverbraucher ein Leben auf der Sonnenseite. Auch bei meinem Gesprächspartner Dal Martino drängt sich dieser Verdacht auf: Gerade wieder zurück von einer Art Musikerfreizeit im Osten Europas, präsentiert sich der Bassist der Nighthawks aufgeräumt und guter Dinge.

Wenn andere Künstler sich den Luxus des Ausspannens gönnen und ihre Freizeit an schicken Bars in hippen Metropolen verbringen, steigt Dal Martino in den Flieger nach Rumänien, um dort als Aushilfsbassist bei der rumänischen Progrockband „Phoenix“ zu agieren. Für ihn eine Herzensangelegenheit seit nun fast 20 Jahren und ein Zeremoniell mit beinahe schon rituellem Charakter. Die Kultband aus Timisoara, die so alt ist wie die Rolling Stones, bietet dem Kölner Musiker seit ihrem Wiedereintritt in die postsozialistische Musikszene Rumäniens Anfang der 90er Jahre stets aufs Neue ein Back-to-the-Roots-Erlebnis, von dem letztendlich auch die Nighthawks wieder profitieren. Denn über diese Schiene gelang es Dal Martino auch, die rumänische Roma-Sängerin Emilia Istvan dazu zu bewegen, für «Today» (Herzog Records/edel kultur) ein kleines Experiment einzugehen. Dal Martino beschreibt die Situation folgendermaßen: „«Ederlezi» ist ja so etwas wie die Nationalhymne der Roma, ein ungefähr dreihundert Jahre altes Volkslied der Gypsies. Und durch meine Mitarbeit in dieser rumänischen Band habe ich dann auch irgendwann Blut geleckt, was diese Kultur und die schräge Rhythmik der Zigeunermusik angeht, zumal auch der Schlagzeuger von Phoenix ein Roma ist, der diese wilden Beats aus dem FF beherrscht. Es gab aber auch Momente, wo ich dann da stand und dachte: dieses Stück kommt nicht auf die Platte! Ganz einfach weil ich den Bruch auch immer spüre. Andererseits finde ich diesen Bruch dann wiederum auch gut. Für Reiner Winterschladen, den Trompeter der Nighthawks, war das ganze natürlich eine richtige Herausforderung, die er phänomenal gemeistert hat. Er ist in seiner Grundeinstellung ja ein Jazzer, aber keiner von der religiösen Sorte. Er hat halt unheimlich gute Antennen, sich in alle möglichen Musikrichtungen einzufinden. Und seltsamerweise ist «Ederlezi» sogar zu Reiners Lieblingsstück geworden.“

Der andere große Name, der diese CD schmückt, ist Anna Maria Jopek, Polens bedeutende Jazz-Sängerin. Es war zwar schon länger geplant, sie irgendwie auf einem Album mit einzubinden, aber auch in der Musikerwelt gibt es ja bekanntlich immer wieder Terminschwierigkeiten, die diese Zusammenarbeit bis zum Album «Today» aufgeschoben haben. „Meine Affinität zu Polen ist eigentlich relativ jung“, erzählt Martino. „Wir wurden mit den Nighthawks so vor zwei Jahren nach Danzig eingeladen und damals hatte einfach alles gestimmt. Konzert, Publikum, Veranstalter etc. Und da hatte ich mir gedacht, dass man auch irgendwie was machen muss, was mit Polen zu tun hat. Der Phoenix-Keyboarder ist nun zufälligerweise Pole und er schlug den Titel «Male Tesknoty» vor, einen polnischen Schlager aus den 80er Jahren. Die Aufnahmen mit Anna in Warschau waren dann sehr professionell, sie hat sich wunderbar vorbereitet und sie ist vor allem auch bestrebt, sich mit Musikern aus anderen Bereichen auseinanderzusetzen. Vielleicht hat ja auch die Tatsache mit dazu beigetragen dass dieser Track so homogen wurde, weil Dominic Miller, der Gitarrist von Sting, hier mit von der Partie war.“

Was nun den Rest von «Today» anbelangt, so geht die Reise der Nighthawks stetig weiter zu immer filigraner ausgearbeiteten Kompositionen und die sich daraus ergebenden Moods haben immer auch etwas Cinematografisches. Nicht zuletzt dank der doppelten Keyboard-Besetzung (Xaver Fischer und Jürgen Dahmen) ergibt sich so ein spannender Kontrast zu Winterschladens Arbeit an der gestopften und ungestopften Trompete. Swingende, tänzelnde Grooves verbinden sich zu einer sorgsam austarierten Schnittmenge zwischen Soul, Filmmusik, Funk und Jazz-Lounge. Martinos Ideen, die meist von außerhalb der Jazzwelt stammen und Winterschladens jazzige und vor allem barrierefreien Ergänzungen sorgen somit auf beiden Seiten für überraschende Horizonterweiterungen. „Wir sind in der glücklichen Lage, niemandem mehr einen musikalischen Gefallen tun zu müssen, und wir müssen auch nicht auf irgendwelche Compilations draufkommen. Wir arbeiten auf Grund unserer Situation immer ein bisschen frei Schnauze, wir müssen also niemandem mehr etwas beweisen. Es ist fast wieder so wie zu Zeiten unserer ersten Platte «Citizen Wayne», wo wir nichts hatten, auf dem wir aufbauen mussten. Heute geht es uns mehr darum, alte Muster aufzubrechen und neue Wege zu gehen.“

Dass auch Kölns musikalisches Hinterzimmer, das belgische Viertel, auf «Today» sein Fett abbekommt, ist der Verbundenheit Dal Martinos mit der lokalen Kölner DJ-Szene zu verdanken. Zwar gibt es die auf dem ersten Track beschriebene «Boutique Korkut» nicht wirklich, aber das Abhängen um die Ecke hat zumindest dazu geführt, dass dem Kölner Elektronik-Geist ein kleines Denkmal gesetzt wurde und sich DJ Korkut Elbay, ein Freund des Hauses, sich gebauchpinselt fühlen darf. Und wer weiß, vielleicht geht ja auch mal Dal Martinos Traum in Erfüllung, dass dereinst eine komplette Nighthawks-Platte durch den DJ-Mix-Wolf gedreht wird. Zuvor jedoch heißt es erst einmal, sich im Licht des neuen Werkes zu sonnen, auf ein gelungenes Album stolz zu sein und dann die nächste Bass-Freizeit im Osten zu planen.

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