Neue Platten

Amarcord Wien - Bon Voyage

Genre: Folk
Label:Home Base Records (Harmonia Mundi)
CD, VÖ: - 20.04.2011

Wien und die Geige - eine fast untrennbar miteinander verbundene Einheit. Und doch steht dieser Viersaiter beim Wiener Quartett Amarcord für sehr viel mehr als nur das stereotype Abziehbild Mozart, Schrammeln, Kaffeehaus. Die Besetzung von Amarcord Wien ist ungewöhnlich: Violine, Akkordeon, Bass und Cello. Mit so einer Konstellation kann man eine Menge anfangen, wenn Kreativität und schlitzohriger Humor ausreichend vorhanden sind. Man kann beispielsweise eine komplette CD nur mit Erik Satie-Interpretationen bestücken (2005), man kann zusammen mit einer Mezzosopranistin Mahler in Liedform interpretieren (2009) oder man kann sich wie im vorliegenden Fall auf eine Reise begeben und sich vom argentinischen Tango über brasilianische Samba bis in die Karibik vorarbeiten, um dann über den Umweg Balkan in den heimischen Wiener Mikrokosmos zurückzukehren. Und das alles in gut 50 Minuten und mit 13 wunderbaren Stücken. Dabei spielt es bei den vier Herren aus Wien keine Rolle, wie eng man sich an das jeweilige Original hält, wie wagemutig, subversiv und augenzwinkernd man Gardel, Jobim oder Debussy interpretiert. Oder wie authentisch man der nicht sehr weit entfernten Balkan­tradition auf die Finger schaut. Gürtler, Huber, Williams und Muthspiel haben genug verschiedene Seelen in der Brust, um auf allen Terrains voll und ganz zu überzeugen. Das Tüpfelchen auf dem i hat man sich, wie es sich gehört für eine überragende CD, bis zum Schluß aufgehoben: „Der Herrgott und die Geig’n” veranschaulicht auf köstliche Weise, dass man bei Amarcord Wien trotz aller kosmopolitischen Weitsicht auch gerne mal bis tief ins innerste Herzerl der Heimat hineinschaut. Irgendwie steckt halt in jedem der vier Musiker auch ein kleiner Hans Moser und wir lernen zudem, dass die Ver­bindung zwischen göttlicher Allmacht und der leichten Muse vor allem in Wien eine sehr innige sein muss. Ein Rätsel allerdings bleibt ungelöst: Wem gehört wohl das Paar Stöckelschuhe, das sich auf der Rückseite der CD so dezent zwischen dem Schuhwerk der vier Herren versteckt?

www.amarcord.at