Neue Platten

Marla Glen - Humanology

Genre: Poprock
Label: o-tone/BHM (ZYX)
CD, VÖ: - 06.05.2011

Wenn jemand im Pop-Business eine tragische Figur abgibt, dann ist es Marla Glen. Über’s Ohr gehauen, gedemütigt, Opfer der Justiz, ungeschickt in kaufmännischen Dingen, scheidungsgeschädigt, suchtgefährdet - und doch von vielen als Rockröhre und bizarre Erscheinung geliebt und verehrt, besonders in der Szene der Gleich­geschlechtlichen. Marla Glen, die Frau mit der unverkennbaren Stimme, kennt die Achterbahn des Lebens wie keine andere, steht sich selbst des öfteren im Weg, leidet unter Gefühlsausbrüchen in jeglicher Richtung. Immer wieder für tot erklärt und doch ein Stehaufmännchen von beachtlicher Willenskraft. Seit langem lebt und kämpft sie nun in Deutschland, hat ihrer US-Heimat bedingungslos den Rücken gekehrt und versucht sich hierzulande immer wieder mit einem Comeback. Mit „Humanology”, der „Lehre vom Menschsein” startet sie einen erneuten Anlauf, um das einzige, was sie kann im Leben, zu neuem Erfolg zu führen: das Singen. Eigent­lich hasst sie ja das Geschäft, aber was soll man machen, wenn man mittlerweile zur Ü-50-Generation gehört und überleben will. Auf „Humanology” werden die Erfahrungen der letzten vier Jahre, von denen es wahrhaft reichlich gibt, aufgearbeitet. Mit Hilfe eines diesmal wohl gesonnenen Produzenten, einer vorwiegend deutsch besetzten Backingband und einem Schwung neuer Kompositionen. Marla Glens einziges Kapital sind nun mal ihre Stimmbänder, die biegsam und belastbar ohne Ende zu sein scheinen. Was ihr weniger liegt, ist das komponieren. Das wird auch auf „Humanology” wieder klar und deutlich. Langsame und balladige Titel wirken entweder blutleer oder durchschnittlich, auch und gerade wegen der kompositorischen Mitarbeit von Produzent Hans Steingen, der als Besitzer des Big Noise-Studios in Düsseldorf bereits mit den Toten Hosen einen dicken Fisch an der Angel hat. Aus diesem Grund war es sicher auch keine gute Idee, ausgerechnet den Titel „Garden of Desire” an den Anfang des Albums zu stellen. Besser wäre da „Run and Hide” aufgehoben gewesen, eine Abgehnummer, mit der die Glen in gewohnter Manier Staub aufwirbeln kann. Vergessen wir also mal ganz schnell die langsamen Stücke, mit Ausnahme des Titels „Child”, der sich dank einer für Pop-Verhältnisse ungewöhnlichen Struktur wohltuend vom Balladenbrei abhebt. Das große Manko dieser CD besteht also darin, dass hier eine Frau agiert, die eine einzigartige Stimme hat, von ihrer eigenen Kompositionsarbeit aber über- bzw. von dem ihr zugetragenen Material jedoch unterfordert ist. Daran ändern auch die recht einfallsreich agierenden Musiker nichts, denen es trotzdem nicht gelingen will, das Ruder in Richtung Spitzen­produkt herumzureißen. Marla Glen fehlt ganz einfach ein Hi-End-Reper­toire, auf dessen Substanz sie sich nachhaltig austoben kann. Zu wenige Nummern auf „Humanology” weisen in diese Richtung. Vielleicht wäre sie gut be­raten, sich verstärkt auf Coverversionen zu verlegen, denn die beiden Bonus­tracks „Fever” und „Your Song” beweisen eindeutig, dass sie mit gut abgehangenen Schinken besser fährt, als mit mühsam zusammengeschusterter Durchschnittsware.

www.marlaglen.net
http://www.youtube.com/watch?v=d5oBFn3RBZ4