Neue Platten

Kip Hanrahan - At Home in Anger

Genre: Jazz
Label: American Clavé (Yellowbird/Enja)
CD, VÖ: - 30.09.2011

Jazzplatten haftet oft das Image einer hoch- bis überintellektuellen Schaffenskraft an. Wenn dies wirklich zutrifft, dann hier ganz sicher. Denn Kip Hanrahans CD „At Home in Anger“ ist zwar eine kühne Symbiose zwischen Jazz und Latin, macht es dem Hörer aber auch keineswegs einfach, die Sache mal eben im Vorbeigehen zu konsumieren. Hanrahan entstammt einem jüdisch-irischen Elternhaus und wuchs in der New Yorker Bronx zwischen Jazzklubs und Latinos auf (vor allem Mexikaner, Kubaner und Puerto Ricaner). Dieses kulturelle Gemisch hat seine Spuren hinterlassen. Speziell auch auf diesem Album. Zeitweise kommt man sich hier wie der Zeuge einer Versuchsreihe vor, wo all diese Ethnien in einen großen Fleischwolf geworfen wurden und als Quintessenz dieses Album entstand. Allein die Anzahl der beteiligten Musiker erreicht den Umfang einer mittleren Bigband. Hanrahans Bestreben, unterschiedliche Stimmungen, Improvisationsbedürfnisse der Musiker, verschiedene Klangwelten und plötzliche Spontaneität unter einem Dach barrierefrei unterzubringen, mündet nicht selten in einen vielschichtigen, offenen Dynamikprozess, der rhythmische Parallelwelten oder Patchworkmuster produziert, die man mitunter nur schwer nachvollziehen kann und die auch nicht gerade einfach zu konsumieren sind. So mutet zum Beispiel der Titel „No Baby“ eher wie eine nervige Fingerlockerungsübung eines Klarinettisten (vermutlich Don Byron) an, andererseits spiegelt das Aufeinandertreffen von brasilianischen und kubanischen Rythmen („Kuduro of Assassins and Laughter“) in dieser unkonventionell geschichteten Bauweise eine nicht uninteressante Vorgehensweise wider. Doch auch hier wie andernorts gilt: Warum den einfach, wenn’s auch kompliziert geht. „At Home in Anger“ gleicht einem Ameisenhaufen. Von außen unscheinbar, im Inneren allerdings wuselig und geordnet chaotisch. Nur bei näherer Betrachtungsweise ergibt sich eine sinnvolle Struktur, die vermutlich aber nur die Ameisen selbst so richtig verstehen.

www.jazzrecords.com/enja