Neue Platten

Gilbert Bécaud - Unsterblich

Genre: Chanson
Label: EMI France (EMI)
Doppel-CD, VÖ: - 25.11.2011

Wie sich doch Zeiten und Blickwinkel ändern. Als Jugendlichem waren einem sogenannte Populär-Artisten wie Udo Jürgens, Hildegard Knef, Charles Aznavour oder Yves Montant ein Graus und der Inbegriff der Spießigkeit. Nach ein paar Jährchen der Horizonterweiterung kann man sich dann aber doch noch, ohne in den Keller auszuweichen oder pusteligen Hautausschlag zu bekommen, das Doppelalbum zu Gilbert Bécauds 10jährigem Todestag in seiner gesamten französisch/deutschen Remaster-Länge anhören. Was beim Hausfrauenradio unsere Muttis reihenweise zu laienhaften und kochlöffelschwingenden Chorsängerinnen hat mutieren lassen, geht heute als Weltkulturerbe durch, das man sich bedenkenlos archivieren kann.
Gilbert Bécaud war ein Chansonnier großen Kalibers, wenngleich der jeweilige Zeitgeist den einen oder anderen Hit zu einer bizarren Reliquie hat werden lassen, die man heute milde schmunzelnd und fast schon ungläubig zur Kenntnis nimmt. Aber genauso wie einen alte Dokumentarstreifen zur Freizeitkultur der 50er und 60er Jahre ehrfurchtsvoll erschaudern lassen, nimmt man so manches Frühwerk des Monsieur 100.000 Volt heute ganz gelassen hin. Damals war das eben hip, c’est comme ça. „Charlie, t’iras pas au paradis“ mit seinem gradlinigen Gospeleinschlag erinnert beispielsweise an das alte Schwarzweiß-Fernsehen oder die kunstvoll dahintoupierte Coiffeur-Versuchsreihen und bei „Quand il est mort le poète“ geht’s im Gefühlsbarometer directement zurück zu Hänschens Dalli-Dalli-Zeiten. Dafür ist die sowjetische Stadtführerin „Natalie“ während der letzten Jahrzehnte so gut wie gar nicht gealtert.
Wie beliebt der quirlige Südfranzose bei den vergleichsweise behäbigen Germanen und Teutonen war, verdeutlicht der zweite Teil dieses Albums. 19 Evergreens, zuweilen etwas hölzern ins Deutsche transskribiert, tontechnisch dafür aber sorgsam restauriert, spülen mitunter noch mehr Déjà-Vus an die Bewusstseinsoberfläche und verdeutlichen, auf wie vielen unterschiedlichen Hochzeiten zu tanzen Monsieur Bécaud in der Lage war.
Retrospektiven haben sicherlich so manches mal ihre Tücken und fördern Dinge ans Tageslicht, die besser im Dunkeln geblieben wären. Bei Gilbert Bécaud allerdings halten sich diese Befürchtungen in engen Grenzen und machen dieses umfangreiche Wiederhören zwischen chansonetter Ballade, Ausflügen in benachbarte Folklore-Kulturen und orchestralem Herzschmerz zu einem letztendlich doch recht abwechslungsreichen Vergnügen.

www.gilbert-becaud-fanpage.de/