Neue Platten

Tokyo Eth Musica - World Scratch

Genre: JapanPop
Label:ZYX Music
CD - 10.01.2005

Manche Leute lassen sich beim Plattenkauf ja gerne mal vom Cover inspirieren, sei es aus Mangel an Überblick oder aus reiner Neugierde. Schicke Mädels machen sich da besonders gut und wer sich von den beiden skeptisch dreinschaueneden asiatischen Chiccas zum Kauf dieser CD verleiten läßt, wird eine Überraschung erleben. Denn was diese (zusammen mit einem bebrillten Sandalen- und Ziegenbartträger) vom Stapel lassen, polarisiert sicher nicht nur die Hörerschaft, sondern auch ich als Urheber dieser Zeilen bin hin- und hergerissen zwischen „au weh” und „hey cool”, ja ich zweifle mitunter etwas an meiner Urteilskraft, geht mir doch in der Regel Anspruch vor Kommerz. Und genau dieser (und dazu noch japanischer) ist das Grundgerüst, auf dem Tokyo Eth Musica ihre CD „World Scratch” fest verankert haben.
Produzent Daichi Hayakawa (die Sandale) aus Tokyo, Vokalistin Miho Hirae aus Okinawa und die singende Japankoreanerin Yong Ae ziehen mit aller Macht an sämtlichen Strippen der internationalen Pop-Allianz und schrecken selbst vor der ethnischen Internationale nicht zurück. Und genau die Nummern sind es, die man als halbwegs brauchbar bezeichnen kann.
Los geht’s mit stampfenden Beats an balineskem Kalimba-Gamelan-Geklöppel, bei dem die beiden Asia-Schwestern mit harmonievollem Duett-Gesang erste Eindrücke hinterlassen. Logischerweise auf japanisch, eine Gesangvariante, die für viele untragbar, für mich jedoch irgendwie erotisch rüberkommt. Das „Eth” im Bandnamen steht selbstverständlich für „Ethno” und von diesem geschundenen Begriff macht Produzent Daichi reichlich Gebrauch in Form von Samples und Live-Instrumenten. Man hat das Gefühl, er ist vor den Aufnahmen erst einmal um den Erdball getourt und hat alles an einschlägigem Instrumentarium oder Soundschnipseln eingesammelt, dessen er habhaft werden konnte. Und so finden sich in den Songs französisches Musette-Akkordeon, indische Tablas gekreuzt mit spanischer Flamenco-Gitarre, karibische Steel Drums, der Weck-Ruf eines Muezzin, tribalistische Urwaldgeräusche, gesampeltes Blech vom Balkan und osteuropäische Zigeunerrhythmen. Das alles mit japanischer Gründlichkeit durch sämtliche Pop-Filter gepresst und von den beiden Chanteusen stimmlich glasiert. Was unter dem Strich bleibt sind drei bis vier Nummern, die ich mir als Pop-Verächter dennoch gern um die Ohren blasen lasse. Der Rest (sogenannte Balladen oder schrottige Wühltisch-Styles) gehören ohne lange zu fackeln in die Tonne. Trotzdem, komplett entsorgen will ich das Ding auch wieder nicht. Ein Fall von „lost in translation”?

www.zyxmusic.com