Neue Platten

Ich Möchte Ein Eicher Sein - (V. A.)

Genre: ElektroPop
Label:Poor Records/Gentlemen Records (Alive)
CD, VÖ - 28.09.2005

Wenn man’s sich recht überlegt, waren die berühmten Eicher-Grauzone-Zeilen „ Ich möchte ein Eisbär sein am kalten Polar, dann bräuchte ich nicht mehr schrein, alles wär so klar” ja ein ausgemachter Blödsinn, der im Prinzip nur darauf angelegt war, einen coolen Reim mit Hilfe einer Brechstange durch ein Nadelöhr zu befördern. Aber damals vor 20 Jahren war man jung, man brauchte kein Geld und war für jeden Scheiß zu haben. Also wurde feste mitgegrölt und ein jeder wollte ein Eisbär sein. Und so wurde aus genialem Stuss ein Kult-Ei geboren. Stefan Eicher und sein Bruder Martin hatten ihre Heimat Schweiz für ein kurze Zeitspanne ins Epizentrum der Pop-Bewegung befördert.
Daß der Eisbär samt seinen einstigen Spielgefährten jetzt wieder ausgegraben wurde, war zwar nicht unbedingt vorauszusehen, gehorcht aber dennoch den pophistorischen Marktgesetzen, wonach irgendwann alles irgendwie widergekäut wird. Aber bei dieser Neuverdauung muß einem nicht übel werden. Vielmehr kann man sich schmunzelnd zurücklehen und sich einen abstaunen, wer da so alles zum Thema Eicher/Eisbär seinen Senf abgibt. In der Mehrzahl sind das eidgenössische Pop-Nation-Helden wie „Tweak”, „Water Lilly”, „Seelenluft” oder „Staubsauger”, mit hinaufgeschmuggelt auf den 17-teiligen Sampler haben sich aber auch Franzmänner wie „Avril”, Readymade FC” oder „Octet”, die mit der Wiedergabe der deutschen Sprache zum Teil ihre liebe Mühe haben. Aber Kurzweil ist Trumpf und die Bandbreite enorm. „Kid Chocolat” beispielsweise bearbeitet mit viel stampfendem Elektrosmog eine weitere Eicher’sche Spitzfindigkeit, die da lautet: „ … die kleinen weichen Pudel, so naiv im Rudel …”. Knalldoof, aber gut im flooristischen Tanzschritt. „Love Motel” dagegen schießen einem mit ihren „Filles Du Limmatquai” in einen wohlig-ambienten Yello-Orbit und „Velma” erinnern mit ihrem „La Pièce” an die derzeit grassierende Franko-Pop-Sause von Boogaerts über Breut bis Dominique A. Von „Bellwald feat. JeanPierre” stammt das überaus gelungene und linguistisch-hochinteressante Cover von „Heidiland”, von ganz weit hinter den Bergen. Hollaröh! Die Schweiz mit ihrer etwas naiven Kinderpopseele hat sich mit dieser CD dennoch ein kleines Denkmal gesetzt, das wir gerne importieren und dem wir gerne huldigen wollen. Ach ja, und sag doch bitte einer den Readymades mal, daß Bär nix mit Bier zu tun hat.

www.gentlemen.ch
www.amazon.de