Neue Platten

Efrat Alony - A Kit For Mending Thoughts

Genre: Jazz
Label: Enja/Yellowbird (Soulfood)
CD, VÖ: - 09.11.2012

Als internationale israelische Künstlerin hat man es heutzutage wirklich nicht leicht. Den Holocaust immer im hintersten Hinterstübchen, dazu noch die unerträgliche Lage im Nahen Osten, wo es wohl das beste wäre, alle beteiligten Regierungen komplett wegzuschließen und rigoros eine gleichberechtigte Zwei-Staaten-Lösung in die Welt zu setzen – da fällt es schwer, sich nur auf künstlerische Aspekte zurückzuziehen. Erst recht, wenn man wie im Fall Efrat Alony zwischen allen Stühle sitzt, da man als Tochter irakischer Einwanderer in Haifa geboren wurde. Auch ihr ist nun der Kragen geplatzt und sie nimmt erstmals zu diesem schmutzigen Thema Stellung, nachzulesen auf der Startseite ihrer Homepage.
Unter diesen Umständen verbietet sich eine gradlinige Friede-Freude-Eierkuchen­musik geradezu von selbst. So ist denn auch Efrat Alonys „Kit For Mending Thoughts” - also ihre persönliche Gedankenheilungsanleitung - kein dickes Wattebausch-Paket, keine fette Familienpackung Verbandsmull, sondern eher ein quer schießendes Jazzalbum, mit vielen Ecken und Kanten und nur wenigen stillen, lindernden Anteilen. Gerade mal der Introtitel „Shir“ besticht durch eine leicht esoterische Anmutung und verbreitet eine gewisse „Dead Can Dance”-Stimmung. Danach allerdings läßt die Wahl-Berlinerin ihrer Kreativität so richtig freien Lauf. Zusammen mit Oliver Leicht (Klarinette, Electronics) und Frank Wingold an der E-Gitarre durchforstet sie die sämtliche Möglichkeiten, Jazz, Pop und Elektronik durcheinander zu wirbeln. Und das kann von pop-ähnlichen Strukturen bis zur völligen Auflösung jeglicher U-Musik-Parameter führen. Elektronische Verfremdung, a-cappella-Tonspuren, Gitarren-Soli, zartes Gebläse, vokaler Freistil im Sinne einer Sidsel Endresen, englische und hebräische Sprache, Cover-Versionen von u.a. Joni Mitchell oder Ornette Coleman - alles wird hier zu einem großen Ganzen verwoben. Die Hausaufgabe, die der Hörer dabei zu leisten hat, ist allerdings weniger kompliziert: sich für 63 Minuten zurückziehen und dem Listening-Manual auf der Rückseite des Albums folgen und alles auf sich einwirken lassen. 2x mindestens.

www.alony.de