Neue Platten

Seu Jorge - Cru

Genre: Brazil
Label:Wrasse (Harmonia Mundi)
CD, VÖ - 19.10.2005

Wenn man aus einer brasilianischen Favela stammt, ist man für den Rest seines Lebens gekennzeichnet. Diese Erfahrung hat auch Seu Jorge gemacht und umso mehr muß man es ihm hoch anrechnen, daß er nicht die Bodenhaftung verliert, nun da er es zu Ruhm und Ehre gebracht hat. Schließlich sind zwei veröffentlichte CDs und eine Filmrolle in „City Of God” kein Pappenstil. Und damit sind auch schon die zwei Seelen in seiner Brust knapp umrissen. Die eine ist seine zarte und fast schon liebenswerte Art, mit Musik umzugehen, die andere spiegelt den knallharten Kerl aus dem Elendsviertel wieder, in dem Drogen, Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind. „A favela é um problema social” – mit dieser nüchternen Aussage beschreibt Seu Jorge in seinem Song „Eu sou favela” locker und lässig sein ehemaliges Umfeld und hat noch dazu mit diesem kunstvoll-minimalistischen Track ein typisch brasilianisches Terrain abgesteckt. Seine rauhbeinige Stimme, ein Pandeiro und eine Cuíca ist alles, was es braucht, um das Leben zwischen Wellblech und Abwasserrinnen zu skizzieren. Uns erscheint diese simple Art zu Musizieren vielleicht wie ein genialer Kunstgriff, ist man doch hierzulande an steckdosenbetriebene Oppulenz gewöhnt. Für den Brasilianer allerdings ist das Hantieren mit akustischen Instrumenten die direkteste und vielfach auch die beliebteste Art, sich auszudrücken. Seu Jorge macht da keine Ausnahme, denn „Cru” ist bis auf wenige Ausnahmen akustische Vollwertkost. Gitarre, Cavaquinho, die bereits erwähnte Quietschekiste Cuíca sowie eine multiple Samba-Perkussion verleihen den meisten Songs eine sanfte Eleganz und eine beschwingte Leichtigkeit.
Von einem Negativum, das man auf vielen brasilianischen Produktionen immer wieder antrifft, ist auch dieses Album leider nicht verschont geblieben. Nämlich immer dann, wenn der sich Brasileiro an europäischem bzw. US-amerikanischem Liedgut versucht, ist Vorsicht geboten. So gerät die Coverversion von Serge Gainsbourgs „Chatterton” zu einem nichtssagenden Irrläufer und auch die Presley Nummer „Don’t” gehört trotz tropischer Zutaten zu den verzichtbaren Bestandteilen dieses Albums. Schuster, bleib bei deinen Leisten, möchte man Seu Jorge da zurufen. Warum denn in die Ferne schweifen, wenn die besten Themen und Inspirationsquellen doch direkt vor der Haustür liegen.

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