Neue Platten

Nils Petter Molvær - er

Genre: Elektro/Jazz
Label:Emarcy (Universal)
CD, VÖ - 28.10.2005

Zeitgenössische Trompeter, die sich elegant zwischen Jazz und Elektronik bewegen, haben Seltenheitswert. Auf die Schnelle kommt einem da eigentlich nur Erik Truffaz in den Sinn und eben – Nils Petter Molvær, der norwegische „Metaphysiker der Jazzmoderne”, wie ihn „Die Welt“ vor kurzem einmal treffend beschrieb. Im Gegensatz zu Truffaz agierte Molvær allerdings schon immer mehr auf der Ambient- und Club-Schiene, was ihm den Ruf eintrug, ein Musiker mit extremer Spannweite zu sein, kümmert er sich in seinem Songs zusätzlich zu den elegischen Trompetentönen noch um Keyboards, Samples, Programmierung und diverse Soundscapes. Von letzteren wird auch auf „er” wieder reichlich Gebrauch gemacht. Das führt, wie bereits auf vergangenen Alben, zu mystischen, nebelverhangenen Klanggebilden, durch die sanft angeblasene Trompeten-Töne wabern. Mal fast ohne perkussives Skelett, mal durchsetzt von knackigen House- und Breakbeats in Verbindung mit schrägen FreeNoise-Attacken à la „Bitches Brew” (Miles Davis, 1970). Einerseits erstaunlich, andererseits aber auch beruhigend, daß dabei immer wieder neue und faszinierende Klangwelten entstehen, die sich von bereits bekannten Molvær-Produkten deutlich unterscheiden.
Besonderen Freiraum räumt der Norweger diesmal seinen Mitmusikern ein. Zum einen den zahlreich anwesenden Programmierern wie Knut Sævik, DJ Strangefruit, Reidar Skor und Jan Bang, die für allerlei Knusper-, Knister- und Klackerkonstrukte verantwortlich zeichnen, zum anderen dürfen diesmal auch wieder zwei Damen ran, um den vielfach artifiziellen Sounds einen gewissen „human touch” zu verleihen. Sidsel Endresen zweiteilt zu diesem Zweck mal wieder ihre Perönlichkeit, indem sie auf „Water” ihren experimentellen Stimmbändern freien Lauf läßt, auf „Only These Things Count” dagegen ganz die romantische Handschrift von Molværs Komposition aufnimmt und sich äußerst zart und zerbrechlich gibt. Was die zweite Sängerin Elin Rosseland angeht, so muß man schon ganz genau hinhören, um sie überhaupt ausmachen zu können. Gute Tarnung also.
Für NPM-Sammler ist „er” also ein weiterer Leckerbissen in der Speisekammer, für Erstverkoster wird dieses Album unter Umständen in einem unerwarteten Rauschzustand enden.

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