Neue Platten

El Zitheracci - Modernes Raubzithertum

Genre: Folk
Label: JD Records ’n’ Pictures (Galileo MC)
CD, VÖ: - 20.03.2015

Wer weiß, vielleicht ergeht es der Zither ja irgendwann einmal so, wie seit einiger Zeit dem Akkordeon. Vom piefigen Hinterwäldler-Instrument langsam aber sicher zum hippen Trendgerät. Ein gewisser „El Zitheracchi“ versucht hier nämlich, nicht ohne einen gewissen Charme, dem bayerischen Stubenmusi-Hackbrett ungewohnt neue Seiten abzugewinnen, wenngleich sich der Protagonist in Sachen Namensfindung, sowohl bei seinem Künstlernamen, als auch beim Albumtitel und einigen Stücken seiner CD, nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Man sollte sich aber von der übertrieben originellen Linguistik nicht gleich negativ beeinflussen lassen.
Vieles an diesem Album ist eher ungewöhnlich: Nicht nur das auf Blues und Weltmusik getrimmte Volksmusikinstrument, das mit seinem Klang irgendwo zwischen Harfe und Klampfe liegt, bekommt hier einen neuen Stellenwert, sondern auch die geheimnisvolle Person des Musikers gibt Rätsel auf. Trotz vieler Fotos im Booklet will er mit seinem wahren Ich scheinbar nicht herausrücken. Mal ein Schnappschuss von hinten, mal ist der Hut im Weg, mal haben wir einen unvollständigen Bildausschnitt. Der Zitheracchi bleibt incognito.
Auch die 13 Stücke sind voller Merkwürdigkeiten. Wo will dieser Mann hin? Nach Indien vielleicht, wenn er sich mit dem Opener „BavarIndi“ von einem Guru inspirieren und von indischer Perkussion begleiten lässt, aber immer auch ein halbes Auge auf die heimische Tradition hat? Oder nach Mittelamerika vielleicht, wenn er mit seiner Zither im mexikanischen Walzertakt dahinschaukelt? Oder in Richtung Musikkabarett vielleicht, wenn er beschwingt in die Saiten greift, um einem „Nosnboahra“ zu Hilfe zu eilen? Oder in Richtung Tierkunde, wenn er in geschmeidigem Rhythmus einem grünen Jaguar nachstellt? Oder zum lieben Herrgott, wenn der Zitherer hingebungsvoll einen Psalm Davids rezitiert und gegen Ende der CD dem „Schönsten Herrn Jesus“ ein Ständchen bringt? Oder ist er einfach nur ein etwas anarchisch gestrickter Landlerbua, der von Bierzelt, Schützenfest und Wirtshausidylle die Nase voll hat?
Fest steht jedenfalls, dass der Zitheracchi in sehr melodiösen Strukturen denkt, sein Instrument perfekt beherrscht und damit erfolgreich und erstaunlich gelenkig gegen den Volksmusikstrom schwimmt. Keine Spur von verstaubter „Hoamatmusi“. Dafür zaubert er eine neu beatmete und durch frische Eigenbluttherapie wiederbelebte Volkskunst aus dem Ärmel. Begleitet abwechselnd von E-Bass, Schweizer Hang oder Saxophon.


www.zitheracchi.com