Neue Platten

Serboplov - Serboplov

Genre: Serbian NeoFolk
Label:B92 (Belgrad) (Import)
CD VÖ - 10.12.2004

Als halbwegs gebildeter Mensch mitteleuropäischer Prägung ist man doch immer wieder überrascht, welche Informationslücken sich auftun, wenn man mit etwas Neuem konfrontiert wird. Zum Beispiel mit traditioneller serbischer Volksmusik. Serbien ist für viele erst mal tiefer Balkan, durchsetzt mit schießwütigen Tschetniks und undurchschaubaren ethnischen Problemen. Nur wenn man sich erst mal reintraut ins Land, ist man verwundert über die überall anzutreffende Normalität und lernt ganz allmählich zu differenzieren. Und siehe da, auch in Serbien gibt es Kultur und Kulturschaffende, von dem Gypsy Brass Boom einmal ganz zu schweigen. Traditionelle Feldforschung findet überall statt, in Belgrad wie in Novi Sad wie in Kraljevo.
Einer der serbischer Rootsmusik schon seit längerem auf der Spur ist, ist Bogdan Rankovic, Kopf der Gruppe Serboplov. Sein Interesse gilt vor allem der Vermischung von ländlicher und urbaner Musik, die das 19. mit dem 20. Jahrhundert verbindet. Seine Herangehensweise an die heimische Folklore via Jazz und Klassik prägt den Sound seiner Band. Und der wiederum ist gekennzeichnet von Klarinette, Violine und Kontrabass. Kein fettes Blechgebläse also, wie man es aus Guca kennt, sorgt hier für Stimmung, sondern die stillere, introvertierte Variante von Volksmusik, zu der man nichtsdestotrotz den Kolo tanzen kann oder im Kaffeehaus gemütlich seinen Mokka trinkt.
Einiges auf dieser CD mutet etwas mittelalterlich an und hat etwas von höfischer Minne, speziell wenn Rankovic’s Holzföten zum Einsatz kommen. Das mag dem einen oder anderen etwas müffelig vorkommen, ist aber unverzichtbarer Teil serbischer Landluft und eignet sich bestens zum Aufführen des Nationaltanzes Kolo. Den gibt’s aber auch in den verschiedensten urbanen Versionen, die wiederum in „progressiveren” Arrangements angelegt und teilweise mit rumänischer Folklore durchsetzt sind. So erweist sich diese CD als ein unerwartetes Schatzkästchen, schließt so manche Allgemeinbildungslücke und macht Appetit auf mehr Rootsmusik vom Balkan, von der man hierzulande immer noch viel zu wenig weiß.

www.b92.net/music