Neue Platten

Shoot the Moon - Saints & Fools

Genre: Jazz
Label:Tiger Moon Records
CD; VÖ: - 15.03.2016

Zweischneidige Schwerter sind weit verbreitet. So auch im Jazz. Einerseits will man als nach vorne denkender Musiker die traditionellen Werte nicht komplett vom Tisch bürsten, andererseits will man aber auch mal was ganz Neues aus dem Hut zaubern und eigene Idee ins Kraut sprießen lassen. Oft kommt (positiv betrachtet) dabei etwas Polarisierendes heraus, das sich beim Zielpublikum erst einmal setzen muss. Im negativen Fall einfach nur Murks.
Die Berliner Saxophonistin Almut Schlichting hat das Glück gehabt, 2014 vom Berliner Senat ein Kompositionsstipendium zu ergattern. Auf zu neuen Ufern war daraufhin die Marschrichtung für sich und ihre Band „Shoot the Moon“. Die Idee war, die Musik des weltlichen Mittelalters, internationale Folklore und Elemente des modernen Jazz unter eine Kappe zu bringen. Nach eingehender Forschungsarbeit wurden also als Grundlagen für diese CD beispielsweise ein Kochrezept aus dem 13. Jahrhundert, Texte aus einer Rede der englischen Königin Elisabeth Tudor (1533 bis 1603) und Zitate von William Shakespeare zusammengetragen. Daneben grub Schlichting traditionelle Folkmelodien aus Irland und der Auvergne aus. Sehr viel Vorarbeit war also geleistet worden, um „Saints and Fools“ entstehen zu lassen. Und dann mußte alles noch unter den Deckmantel einer modernen Jazzifizierung.
Neben Schlichtings Sax treten hier weiterhin eine Bass-Klarinette, ein Kontrabass und ein Schlagzeug an, die (nicht wenigen) Gesangspartien besorgt Winnie Brückner, eine mehrsprachig begabte, exaltierte Sängerin von Format.
Und nun zum Kern der Sache, dem Zweischneidigen. Überbau ganz klar der Jazz, von melodienreich über extremistisch bis hin zum traditionellen Formen wie Bebop - auf jeden Fall sehr niveaureich. Und auch die Schnittmengen zwischen Folk und Jazz sind interessant aufgeschlüsselt. Was weniger gut kommt, sind Schlichtings selbsterfundene Textteile, wo es vor allem um „urban Heilige“ geht, die doch sehr in einer amerikanisch wirkenden Gegenwart verankert sind und dadurch im Gesamtkontext dieser CD etwas deplaziert scheinen. Weiterhin fällt auf, dass Brückners Gesangsparts nicht immer schlüssig zum musikalischen Unterbau passen. Dennoch sind wir hier vom Murks also eindeutig und sehr weit entfernt, dafür kann man das Werk aber getrost als abenteuerlich bezeichnen.

www.tigermoonrecords.com