Neue Platten

Colin Stetson - Sorrow

Genre: Klassik (alternativ)
Label: 52Hz (Indigo)
CD; VÖ: - 08.04.2016

Absolut nachvollziehbar, wenn Colin Stetson, amerikanisch-kanadischer Saxophonist und Indie-Musiker, behauptet: „Jeder von uns kennt doch diese Momente, wenn ein Musikstück uns wirklich ergreift …” und er bezieht sich dabei nicht etwa auf eine bestimmte geistige Eigenleistung, sondern auf Henryk Góreckis Symphonie Nr. 3, die wie kaum ein anderes Werk der Neo-Klassik einem beim Zuhören die Luft abschnürt, so aufwühlend und gleichzeitig erhaben ist diese Musik. Im Original zu erleben auf der 1992 erschienenen CD „Symphony No.3” (Elektra/Nonesuch) mit der London Sinfonietta und der Sopranistin Dawn Upshaw, die Leitung hatte David Zimman.
Colin Stetson, wir erinnern uns, ist seines Zeichens vor allem Solo-Künstler, der beispielsweise im Jazzrock (mit Fred Frith), oder im Indierock (mit Arcade Fire oder Feist) oder in der alternativen Szene (mit Tom Waits oder Laurie Anderson) zuhause ist. Auch Stetson hatte schon vor langem die Faszination dieses Stückes gepackt. Und da amerikanische Künstler (besonders Filmregisseure) dazu neigen, wichtiges europäisches Kulturgut noch einmal nach ihrem Gusto neu zu interpretieren, wollte auch Stetson mit seiner Liebe zur 3. Symphonie nicht abseits stehen. Gottseidank hat er sich bei dem Nachempfinden Goreckis weitestgehend an das Original gehalten und die Noten sowie die wichtigsten Streicherparts unverändert gelassen. Allerdings hat er nach eigenem Gutdünken nachgewürzt: Holzbläser, Synthesizer und E-Gitarren kommen nun zum Einsatz, auch ein Schlagzeug. Ebenfalls wurden Sounds und neue Musikteile eingeflochten, die nach Stetsons Empfinden notwendig waren, den emotionalen Kern der Sache freizulegen.
Ergebnis: „Sorrow” von Colin Stetson ist ein sehr wuchtiges und bewegendes Stück Musik geworden, kann dem Original aber dennoch nicht ganz das Wasser reichen. Die klanglichen Erweiterungsmaßnahmen sind, vor allem bei den lauten Stellen, etwas zu dick aufgetragen und nehmen dem Werk die Feinsinnigkeit. Auch wenn zu begrüßen ist, dass Stetson seinem unbedingten Wunsch folgen wollte, Gorecki im Innersten zu verstehen, so bleibt die „klassische“ Version trotzdem das Maß aller Dinge.

www.colinstetson.com