Neue Platten

Tom Schilling & The Jazz Kids - Vilnius

Genre: Chanson, Indie Pop
Label: Embassy of Music (Warner)
CD; VÖ: - 21.04.2017

Kann das gut gehen, wenn ein so bekannter Schauspieler und Berufsjugendlicher wie Tom Schilling sich nun plötzlich auch noch als alternativer Popmusiker und tiefgründiger Songwriter etablieren möchte? Gespannt begibt man sich also auf Entdeckungsreise durch sein Debut-Album namens „Vilnius“.
Nach anfänglicher Skepsis, einigen Irritationen und mehreren Hörversuchen gelangt man dann schließlich zu der Erkenntnis: Ja, es ist noch mal gut gegangen. Schilling macht eine deutlich bessere Figur im Pop als beispielsweise seine darstellenden Kollegen Prahl, Liefers oder Riemann.
Trotzdem stellt man sich natürlich zunächst einmal die Frage, warum das Album ausgerechnet „Vilnius“ heißt, wo doch weder auf der CD ein Song dieses Namens existiert, noch sonstwie Bezug auf die litauische Hauptstadt genommen wird. Eine Antwort bleibt aus.
Schilling ist schon länger Musiker im Nebenberuf. Quasi als Nebenprodukt seines 2012 angelaufenen Film „Oh Boy“ kam er in Kontakt zur damaligen Filmband „Major Minors“ und machte sehr bald gemeinsame Sache mit ihnen. Inzwischen nennen sie sich Jazz Kids. Und bald war auch klar, dass die Reise nicht in Richtung Mainstream gehen sollte. Schilling’sche Vorbilder wie Nick Cave oder Element of Crime sprechen eine eher subkulturelle Sprache und daher sind deutliche Anleihen bei diesen Künstlern auf „Vilnius“ keine Seltenheit, schrammen manchmal vielleicht etwas zu nahe am Plagiat vorbei. Und trotz aller vorsätzlichen poetischen Eleganz fehlt den Texten mitunter etwas der trockene Humor eines Sven Regener.
Auch stimmlich sind deutliche Defizite zu besagten Musikern auszumachen. Schillings Schauspielerstimme ist leicht wiederzuerkennen und erweist sich eher bei den intimeren Songs als einigermaßen sangestauglich. Als kerniges Raubein eignet er sich offensichtlich weniger.
Dennoch halten die zehn Stücke eine ausgewogene Balance zwischen laut und leise, zwischen kantig und zartfühlend, zwischen Liebe und Anti-Liebe, zwischen Chanson und Rock. Lediglich die Coverversion des Protestsongs „Kinder“, die sich Schilling von Bettina Wegner ausgeliehen hat, überspannt vielleicht etwas den Bogen zwischen Wertschätzung und eigenem Indie-Anspruch. Und auch das Duo mit dem Kinderstimmchen von Annett Louisan („Ja oder nein“) ist eher gewöhnungsbedürftig.
Schillings Begleitband, die Jazz Kids, zeichnen sich vor allem durch griffige und knackige Arrangements aus und liefern dem Sänger ein perfektes Fundament.
Also wird dann zum Schluss doch noch alles gut, auch wenn man sicher ein Weilchen braucht, um sich mit den Eigenheiten dieser CD anzufreunden.

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