Neue Platten

Saigon Supersound Vol. 1 - V. A.

Genre: Pop aus Vietnam
Label: INFRACom!
CD; VÖ: - 05.05.2017

Wer keine Arbeit hat, der macht sich welche. Von Jan Hagenkötter, dem Betreiber des Frankfurter Elektrolabels INFRACom!, sollte man annehmen, dass er als Obermanager schon genug Stress am Bein hat. Trotzdem hat er es sich nicht nehmen lassen, quasi als erweiterte Freizeitbeschäftigung, ein selbstgemachtes Baby in Umlauf zu bringen. Es trägt den etwas großspurigen Namen „Saigon Supersound“. Und als wäre das noch nicht genug, auch noch den Zusatz „Volume 1“. Es geht also um Mucke aus Vietnam. Genauer gesagt um Mucke, die zwischen 1965 und 1975 im fernen Osten in Umlauf gebracht wurde. Aber wieso interessiert sich einer, der mit europäischem House und Elektro aufgewachsen ist, für solch abenteuerliche Klanglandschaften? Ganz einfach: Der Mann ist mit einer Vietnamesin liiert und er war über einen längeren Zeitraum in Vietnam als DJ unterwegs. Da bleiben natürlich ein gewisser kultureller Forschungsgedanke und ein damit einhergehender Missionsdrang in Richtung Musik aus Asien nun mal nicht aus.
Was hat er also zusammengetragen, der Herr Hagenkötter? Insgesamt sind es 18 unaussprechliche Glitzersteinchen von anno Tobak und vieles hört sich an wie eine exotische Mischung aus Doris Day und Catarina Valente, es schnulzt und kitscht quasi an allen Ecken und Enden. Aber auch ein Señor Coconut lässt freundlich grüßen, freilich in einer zeitlich noch weiter nach hinten orientierten Version. Denn, man glaubt es kaum, lateinamerikanische Ingredienzien lassen sich in vielen dieser alten Vietnam-Hits finden, gepaart mit einigermaßen jazzigen Anmutungen und natürlich ist da auch jede Menge Hall mit im Spiel. Klingt einfach besser. Dass man vor über 40 Jahren tontechnisch noch nicht so perfekt drauf war wie heute, hört man fast jedem Song an, wird aber von der Extravaganz der Stücke durchaus wieder wettgemacht.
Das Booklet hält neben den Songtexten in vietnamesisch und englisch auch viel Wissenswertes in englisch bereit. Allerdings hätte man sich da eine deutsche Übersetzung gewünscht, denn selbst bei guten Anglistik-Kenntnissen ist das Durchforsten des Textes immer auch etwas mühsam.
Übrigens: wer bei diesem Saigon-Sampler ein latentes Déjà-Vu-Erlebnis zu verspüren scheint, dem kann auf die Sprünge geholfen werden: Bereits vor ca. 20 Jahren (genau 1998) veröffentlichte das Münchener Trikont-Label eine Sammlung von schräger Straßenmusik aus Ho-Chi-Minh-Stadt unter dem Titel: „Ho! Roady Music From Vietnam 2000“.

http://www.saigonsupersound.com