Neue Platten

Högni - Two Trains

Genre: Indie Pop
Label: Erased Tapes (Indigo)
CD; VÖ: - 20.10.2017

Was haben der Isländer Högni Egilsson, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer gemeinsam? Die Liebe zu kleinen knuffigen Dampfloks und zu Inseln. Was zunächst ein bißchen wie an den Haaren herbeigezogen wirkt, hat bei näherer Betrachtung schon so seine Berechtigung. Högni, seines Zeichens gitarrenlastiger Musiker aus Reykjavik und Chef der Indieband Hjaltalin, hadert nämlich zuweilen mit seinem Schicksal und zieht dabei gerne mal metaphorische Vergleiche. Unter anderem eben auch mit den zwei alten Schmalspurloks Minør und Pionér, deren Erscheinungsbild an das von Emma aus Lummerland erinnert. Beide Loks zogen vor dem 1. WK kleine Waggons, die mit Baumaterial für den Hafen von Reykjavik beladen waren. Minør und Pionér stehen heute als Mahnmal jener Zeit im Freilichtmuseum Árbæjarsafn.
Was hat das nun alles mit Musik zu tun? Högni zieht u.a. psychologische Parallelen zwischen sich selbst und den ausgemusterten Dampfrössern, zwischen Vergessensein und Ohnmacht, zwischen Romantik und drohendem Unheil. Klar, dass die musikalische Umsetzung solcher Zustände nicht unbedingt in hübsche FFE (Friede, Freude, Eierkuchen) -Songs mündet, sondern geprägt sind von Melancholie, Selbstzweifel oder dem Gefühl der Freude. „Two Trains“ ist also ein sehr emotionsgeladenes Album, bei dem düsterer Chorgesang, schwere Basslinien, fieselige Elektronik, sanfte Pianoklänge, pumpende Beats und melodieverliebte Streicher in beeindruckender Weise aufeinandertreffen. Wer einen Hang zur Depression hat, sollte sich besser in Acht nehmen, besonders ganz am Anfang. Und im weiteren Verlauf der folgenden 34 Minuten wird man auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle mitgenommen, bei der man sich anschnallen sollte. Aber trotz aller positiven wie negativen Wallungen, die beim Hören dieses typischen Island-Albums eventuell auftreten können, gehört diese CD zweifellos in die Top 10 des Jahres 2017.

www.erasedtapes.com
www.hjaltalinmusic.com