Neue Platten

Ersatzmusika - Voice Letter

Genre: Russland
Label:Asphalt Tango (Indigo)
CD, VÖ - 21.09.2007

Russendisko light – so könnte man diese 45 Minuten analoger Untergrundmusik beschreiben. Der Bezug zu Kaminer und Konsorten ist schnell hergestellt, denn die 7 Musiker atmen schon seit längerem Berliner Luft. Die Namensassoziation haben sie sich aber wohl bei den St. Petersburger Markscheider Kunst abgeschaut – der deutsche Wortschatz scheint beliebt zu sein bei Russen. Warum allerdings ausgerechnet die nicht einmal im Duden zu findende Vokabel „Ersatzmusika” herhalten mußte, bleibt erst mal ein Geheimnis. Weniger geheimnisvoll ist die Zusammensetzung dieser Band. Alles waschechte Russen, allen voran Irina Doubrovskaja, die Dame mit der tiefen Alexandra-Stimme, die dieser Session ihren ganz speziellen Stempel aufgedrückt hat. Distanzierte Wärme strahlt sie aus, nicht gerade virtuos, dafür aber umso seelenvoller. Fast alle Songs kommen mit einer sparsamen Semi-Akustik aus und sind bestens dazu angetan, melancholischen Gedanken nachzuhängen, auch wenn man kein Wort versteht. Aber es ist wunderbar, dem Klang dieser Sprache und der klanglichen Umsetzung zu lauschen. Eine ganz besondere Lektion in Sachen russischer Phonetik bekommt man auf dem Song 11 erteilt, wo Bassist Sergej Voronzov quasi als Lehrmeister auftritt. Instrumentell gleichen die Russen einem kleinen Wanderzirkusorchester oder den in München beheimateten „G. Rag Y Los Hermanos Patchekos”. Akkordeon, Spieluhr, Xylophon, Harmonika, Glockenspiel und Klimperklavier verzieren so manche Melodie, aber auch die Wimmerorgel oder eine Gitarre im ruppigen Marc-Ribot- oder im klagenden Blues-Stil sorgen für aufgelockerte Stimmung. Walzer, Reggae, knarzige Landfolklore und beschwingte Trinklieder bezaubern dazu immer wieder aufs neue. Eine Platte, die man irgendwie ziemlich schnell ins Herz schließen kann.

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