Neue Platten

Konono No.1 - Congotronics

Genre: Kongo-Rock
Label:Crammed Discs (ZYX)
CD, VÖ - 24.01.2005

Manchmal taucht Musik auf, die ist so skurril, da muß man sich echt wundern, wie sie überhaupt den Weg zu uns findet. Vorliegendes Album stammt aus dem Herzen von Afrika, aus dem Grenzgebiet zwischen Angola und dem Kongo. Dort lacht man sicher nur über unsere Probleme mit der Arbeitslosigkeit, sprich, wer einen geregelten Job hat, lebt fast schon mit einem Dauer-Sechser im Lotto. Die, die in die Röhre gucken, versuchen dennoch, das beste aus ihrer Situation zu machen. Musik kann da ganz hilfreich sein, und wer clever ist, findet eine Marktlücke. So auch ein gewisser Mingiedi, der vor über 25 Jahren schon eine Kombo gegründet hat, die sogenannten „Bazombo Trance” spielt, eine rituale Feld-, Wald und Wiesen-Musik, deren Hauptinstrument die Likembé ist, andernorts in Afrika auch Mbira genannt, zu deutsch Daumenklavier. Bei Weltmusikkennern gehen da sofort die Finger hoch: Stella Chiweshe, Chiwoniso, Thoams Mapfumo. Jawoll, gut aufgepasst. Setzen.
Bei Konono No. 1, der besagten Truppe von von Mingiedi, liegen die Dinge allerdings ein wenig anders. Aus Mangel an geeignetem Equipment griff man zur Selbsthilfe, dengelte sich aus Autowracks Verstärker und Tonabnhemer zurecht, verstromte damit die Daumenklaviere (weil die normalerweise im Stadtgetümmel eh kaum zu hören sind), jagte alles durch sogenannte Sprachschleudern (selbstgebastelte Megaphone aus Kaiers Zeiten) und bestückte die Perkussionsabteilung mit klapperndem Kochgerät und anderem Metallschrott, fertig war ein Soundsystem, wie man man es nur aus den wildesten Träumen kennt. Die Bazombo Trancer wurden immer perfekter, die Likembés wurden in mehreren Tonlagen angefertigt, Tänzer wurden hinzugezogen und Sänger engagiert. Das ganze hört sich dann an wie eine gut durchgequirlte Straßengang, denen weniger der perfekte Sound wichtig ist, sondern das eher das Feeling, das sie erzeugen.
Diese 50 Minuten Konono sind also bestenfalls Lofi, dafür aber dermaßen energetisch, daß einem manchmal echt die Spucke wegbleibt und man gut nachvollziehen kann, warum in den Straßen Kinshasas jedes mal der Punk abgeht, wenn die Musiker Gas geben. So was spricht sich natürlich rum, erst bei Crammed Discs in Belgien, die diese Platte auf die Beine gestellt haben und deren Scouts mit zu den besten gehören, die auf dem Indie-Sektor herumeiern, dann sogar bis hin zu postrockenden Amis wie Tortoise oder elektronischen Bastelknaben wie Matthew Herbert, die sich bereits um Remix-Rechte bemüht haben.
Daumenklavier-Trance ist also eine ganz neue Erfahrung und erinnert mich manchmal ein bißchen an brasilianische Afro-Blocos, die mit ähnlichem Dampf die Hütte rocken. Wie gesagt: das ganze ist ziemlich exotisch, aber dafür auch ziemlich einzigartig.

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