Neue Platten

Dissidenten & Jil Jilala - Tanger Sessions

Genre: Maghreb
Label:Exil (Indigo)
CD, VÖ: - 17.10.2008

Was ARTE in seiner Krautrock-Dokumentation Ende August 2008 geflissentlich unter den Teppich gekehrt hatte, macht dieser Tage umso lauter von sich reden: Die Dissidenten, Godfathers of World-Beat, sind zurück, erfreuen sich bester Gesundheit, sind immer noch voller Tatendrang und hurra! zaubern gar eine neue CD aus der Tüte, die sowohl alte Sahara-Elektrik-Zeiten, als auch eine neue Marschrichtung heraufbeschwört. Schon allein das Cover spricht eine deutlich metaphorische Sprache. Deutscher und marokkanischer Staatswimpel innig vereint, inklusive dem Pentagramm als Sinnbild für das Bannzeichen gegen die Achse des Bösen.

Die Mitglieder der einstigen Sandkasten-Boyband sind zwar zugegebenermaßen in Würde gealtert, aber keineswegs bequemer und nachlässiger in ihrer Denke geworden. Noch immer kreisen Paul Bowles und seine Beat-Generations-Gedanken durch die Hypothalami der Herren Müllrich, Josch und Klein. Noch immer ist das Gedankengebäude der Dissidenten ein Bollwerk gegen politisches Dumpfbackentum und mainstreamig Plattgebügeltes. Und noch immer funktionieren alte und bewährte Seilschaften, die schon vor 25 Jahren zwischen Nord und Süd, zwischen Brandenburger Tor und marokkanischem Sultanspalast geknüpft worden waren. Denn im eigenen Land waren und sind die Dissidenten nach wie vor verkannte Propheten und demzufolge hierzulande auch nur selten anzutreffen. Ihre Beatclubs und Überlanddiscos stehen in Südamerika, Spanien, Italien oder Marokko, nur eben nicht zwischen Konstanz und Flensburg.

Schon Mitte der 80er Jahre erwies sich Marokko für die Dissidenten als fruchtbares Terrain. Aus dieser Zeit stammt unter anderem auch die Dissidenten-Jil-Jilala-Connection, die sich dank der tatkräftigen Mithilfe des amerikanischen Schriftstellers Paul Bowles und des erst kürzlich verstorbenen Abdesalam Akaaboune, marokkanischer Mäzen des dissidentalen Gesamtwerks, als bis in unsere Tage haltbar und stabil erwiesen hat. Die Dissidenten und Jil Jilala, Marokkos Chaabi-Kings und zu Anfang ihrer Karriere wahrhafte Sozial-Revoluzzer, verbindet immer noch eine gemeinsame politische Überzeugung, die sich im Untertitel des ersten Songs dieser CD manifestiert. „This is the world, stupid, not your country“. Sinngemäß: „Wir leben alle in einer Welt, Blödmann, und nicht jeder für sich in seinem Land“.

Uve Müllrich von den Dissidenten: „ Als wir Jil Jalala und ihre Musik Mitte der Achtziger kennen lernten, waren ihre Kassetten nur verschwiegen unter dem Ladentisch erhältlich. Sie gehörten zu den Ersten, die intellektuelle, politische Poesie in die populäre Musik Nordafrikas einführten. Jil Jilala werden nicht umsonst des öfteren als die Beatles von Nordafrika bezeichnet. Ihre politische Bedeutung ist enorm, sie sind ein wichtiges Sprachrohr von Generationen und zusammen mit Ihren Weggefährten Nas el Ghiwane und Lem Chaheb ein Mythos, die Begründer eines neuen Genres. Ihre Texte sind heute Grafittis an den Wänden Nordafrikas. Übrigens, auch spätere Entwicklungen, etwa die Algerische Raï-Musik wurden von Jil Jilala entscheident mitgeprägt. Gleiches gilt auch für das zusammen mit Lem Chaheb veröffentlichte Dissidenten-Album “Sahara Elektrik” von 1983. Khaled ist unser Zeuge!“

So erklären sich dann auch die veränderten Klanglandschaften, die die „Tanger Sessions“ hervorgebracht haben. Gitarren-Breitseiten geben neben den teilweise sufiartig geschwungenen und verzerrten Gesangslinien den Ton an. Gleich drei prominente Saiten-Schneider wurden von den Dissidenten angeheuert, um zusammen mit der Gitarre von Uve Müllrich einen Sound zu generieren, der zwar in seinen Grundzügen eher im metallverarbeitenden Gewerbe der 70er zu verorten ist, letztendlich aber metaphorisch die Zerrissenheit der post-9-11-Ära widerspiegelt. Long-time-Mitstreiter Roman Bunka, Sessionmusiker Jens Fischer (ex Tri Atma) und Henning „Brett-Gitarre“ Rümenapp von den Guano Apes geben dem rockig-animalischen Erbe des Stones- und Led Zeppelin-Zeitalters ein neues Gesicht.

Uve Müllrich erklärt dazu:
„Da ich ja so halb in Tanger ansässig bin, bin ich mit den ganzen Musikern, die ich da so kenne, natürlich dauernd im Dialog. Und man spricht natürlich auch über die Dinge, die sich nach dem 11. September so abgespielt haben. Und das Ding wollten wir eben aufgreifen. Wir haben uns vorgestellt, wie sich wohl so ein zwanzigjähriger GI fühlen muss, der vor wenigen Monaten noch ohne sich groß um den Weltenlauf zu kümmern auf dem Skateboard vor einem Supermarkt im Mittleren Westen herumsurft, auf den Ohren irgendwas zwischen Beastie Boys und Aerosmith. Unser Protagonist trifft Militärwerber und rollt wenig später ängstlich in seinem Panzer durch den Irak. Auch psychologisch ist er als Soldat gepanzert, zu bedrohlich scheint die ganze Situation, niemand hat ihn in irgendeiner Weise auf einen solchen Kulturschock vorbereitet. Und jetzt plötzlich werden die Texte seines Soundtracks zu seiner Verwunderung auf arabisch gesungen. In der Instrumentierung haben wir fast nur europäische Instrumente verwendet, denn der arabische Gesang scheint uns für westliche Ohren schon “exotisch” genug, die Stimmen sind hier praktisch nur Instrumente. Ganz anders für unsere zahlreichen arabischen Hörer, die logischerweise mehr den Texten folgen. Dieses Bild haben wir irgendwie versucht, umzusetzen.“

Und so wurde beispielsweise der Song „Gun Factory“ zu einem klaren politischen Statement. Denn statt lapidarer Schönwettermusik geht es sowohl hier als auch auf dem gesamten Album um eine Botschaft. „Wir haben diese CD ja nicht nur für westliche Hörer gemacht …“, betont Bassist und Gitarrist Uve Müllrich. „… sondern sie wird ja vor allem auch „da unten“ gehört, vielleicht mehr noch als im Westen. Und da sind die Texte natürlich adäquat. Da geht es eben darum, dass man sich fragen muss: Wo kommen denn die ganzen Knarren her, mit denen sich die Leute gegenseitig umbringen? Wer hat da den Profit daran? Wer hat ein Interesse daran, dass sich ein “Clash of Civilisation“ überhaupt abspielt? Da stehen doch ganz klar Industrie-Interessen dahinter. Interessen der Waffen-Industrie. Mit anderen Worten: Hier begegnen sich die deutsche und die marokkanisch-islamische Zivilisation und daraus haben wir, Jil Jilala und die Dissidenten, einen bunten Strauss von Liedern gemacht. Diese Lieder erzählen vom Frieden, vom Frieden zwischen den Rassen und den Religionen. Sie handeln von Humanität. Und dafür kann auch der 11. September kein Hindernis sein. Wenn man sich begegnen will, begegnet man sich. Deshalb haben wir dieses Album gemacht. Um simpel ausgedrückt, zu zeigen, dass die Marokkaner und die Deutschen Brüder und Schwestern sind. Wir haben viel miteinander diskutiert, und gemeinsam unsere Situation als Künstler – sitzend zwischen den Stühlen der Kulturen – betrachtet. Die Botschaft der Künstler droht nach dem 11. September, immer leiser zu werden und wir wollen mit unseren bescheidenen Mitteln als Künstler etwas dagegen setzen, etwas zur Evolution beitragen und nicht nur eine schöne Sound-Tapete machen für das bunte multikulturelle Wohnzimmer.“

Was man indes bei den „Tanger Sessions“ vergebens sucht, sind – wie bereits vernommen – typische arabische Instrumente, die Oud einmal ausgenommen. Und um diesem Fakt noch einen oben drauf zu setzen, haben sich die Dissidenten entschlossen, der archaischen Drehleier eine Chance zu geben. „Die Drehleier …“, so Müllrich, „… hat ja diesen alten „Drone-Ton“ drin, ein Phänomen, das schon seit musikalischen Urzeiten existiert. Und dieser Ton, dieses Trance-Element, ist das Verbindungsstück. Den haben die da unten eben auch. Und wir wollten dieses Element nicht unbedingt mit maghrebüblichen Instrumenten darstellen und sind so auf die Drehleier gekommen.“ Elke Rogge (Hölderlin Express) und Till Uhlmann (ulman) sind die Hurdy Gurdy-Spezialisten, die auf fast allen Songs dem so oft belächelten Folkloreinstrument einen hypnotisch-psychedelischen, ja fast sogar schon synthesizer-ähnlichen Klang verleihen.

Mit dabei auch wieder einige Dissidenten-Oldies. „Fata Morgana“ in einer neuneinhalbminütigen „Tangier-Version“ oder „The World Is A Mirror“ (früher hieß das mal „Three Fish In The Desert“), das mittlerweile zu einem fast doppelt so langen strammen Elektro-Funk mutiert ist. Überhaupt bestätigt die Länge der Songs einmal mehr den Session-Charakter dieser CD. Über einen Zeitraum von zwei Jahren reifte dieses Album. Der grandiose Sultanspalast von Tanger diente als großzügiges Tonstudio und dazwischen immer wieder vor Ort Konzerte mit einheimischen Musikern. Eine kurze Zusammenfassung dieser Zeit findet sich am Ende der CD. „Morock’n Roll Part II“ ist eine Soundkollage von Alltagsgeräuschen, Kasbah-Impressionen und Küchen-Jams, ganz ohne süßlichen Patschuli-Duft, statt dessen mit der strengen Würze arabischer Souks.

Wie sagte Moulay Tahar von Jil Jalala: „Es hat sehr viel Spass gemacht, mit diesen verrückten Deutschen so ein schönes Album auf die Beine zu stellen und jetzt freuen wir uns erstmal darauf, die Musik in den nächsten Monaten auf der Bühne zu präsentieren, inshallah!“
Nur leider müssen die Bewohner von Germanistan dazu wohl ins Ausland reisen.


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